Katrin Achinger & The Flight Crew
Nach Matthias Arfmann liegt nun auch das erste Solowerk der KASTRIERTEN PHILOSOPHIN Katrin Achinger vor. Wenn man so will, ein thematisch durchkonzipertes Album - in Musik und Wort. Sie bedient sich eines alten, klassischen, noch heute faszinierenden Mythos: Ikaros.

Der immerwährende, doch scheinbar nie erreichbare Wunsch nach Freiheit zieht sich als Grundfaden durch das Album. Freiheit und Tod scheinen untrennbar verbunden. Flucht aus dem Leben, als einzige Möglichkeit, die Ketten von sich zu reißen, die Sucht zu verbrennen, die größte Sehnsucht des Herzens. Hier endet die Saga um Ikaros und Daidalos. Auf ICARE wird die Geschichte weitergesponnen; Icare wird auf die Erde zurück geholt. Erzählt wird die spannende Geschichte der Selbstfindung, der Vision der diesseitigen Freiheit, der Erkenntnis, das man die Freiheit suchen und nehmen muß, sie kein Geschenk des Himmels ist. Icare wird auf eine lange Reise geschickt, die in tiefer Einsamkeit beginnt, mit der Verachtung des Lebens, der Menschheit, der verlorenen Liebe. Dieser Alpdruck läßt sich nur durch die Rückkehr zum Ursprung lösen. Durch die Augen der Affen, gefangen vom Voodoozauber, träumt er seine wilde Rebellion.

Fragt seinen Vater nach dem grünen Land, wo Poesie Amtssprache ist, Freiheit gesetzlich zugelassen und männlich für Stärke und nicht für Unterdrückung steht, in dem es weder Nationen noch Grenzen, sondern nur eine friedliche Gemeinschaft gibt. Es reift die Erkenntnis zum Aufbegehren, das unendliche Bedürfnis, die Tür zum Leben aufzustoßen, es selber zu tun. Und diese Kraft gibt nur die Liebe, die langsam mit jedem bewußten Atemzug erwacht, die Müdigkeit für immer abstreifend. Aber da ist auch die Angst, die sich wie ein geächteter Freund in einen schleicht, die man besiegt, indem man sie in sich trägt.

Seine innere Stimme treibt ihn immer weiter, auf seinem Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart, zu unerreichten Ufern, zum Ende seiner Einsamkeit, bis zur Morgendämmerung. Aufgestoßen war das Tor im Traum, das ach so ferne. Alles Nichtige zu Staub zerfallen, aller Unrat längst vergessen, Mensch und Tier einander Freund. Träume sind nicht nur Illusion, auch Lebenselexier. So erwacht er, mit Wehmut zwar, doch nicht ohne Hoffnung. Zum Schluß bleibt - der Realität Tribut zollend - der Fluß des Lebens, den es, trotz aller Schmach zu meistern gilt.

In kalten Wassern
bin ich ersoffen
als ich träumte
von der Hoffnung
einer helfenden Hand.
(River of life)

Mit diesem Zitat möchte ich meine Ausführungen zum literarischen Aspekt beenden und noch ein paar Worte zur Musik verlieren. Aufgenommen wurde "Icare" wie nicht anders zu erwarten im Knochenheusstudio/Hamburg, in Zusammenarbeit mit Herrn Arfmann im Herbst 92. Nach ca. 2 Jahren Vorarbeit im Kopf ging dann im Studio alles rasch von der Hand.

Ein Album, das durch zarte Schlichtheit und dennoch durch Kraft besticht. Gesang und Instrumentarium ergänzen sich vorzüglich, erzeugen Schwingungen, das man meint, selbst fliegen zu können. Die Besetzung ist faszinierend und läßt erahnen, welche akustischen Sphärenklänge dem Ohr als Balsam verabreicht werden: Schlagzeug, Marimbaphon, Kontrabaß, Cello, Bratsche.

Der Name Katrin Achinger & The Flight Crew ist in diesem Fall nicht als Zufall zu verstehen. Abgesehen von Rdiger Klose (dr, derschon so ziemlich alles gemacht hat), kommt der Rest der Crew aus dem Jazz- bzw. dem Free-Jazzbereich: Julia Engel (Marimba-phon), Sabine Worthmann (Kontrabaá, hat bereits auf Philosophen-Platten mitgewirkt), Tom Bennett (Bratsche).

Parallel zum Album erscheint ein Buch, in dem die Stationen dieser Reise beschrieben werden.
(Alle Zitate stammen von K.A.)

Grüße und vielen Dank an Katrin
Nils, png #12