Die Schweißkönigin
Laudatio von Andrea Rothaug für Bernadette La Hengst (Zur Preisverleihung des Künstlerinnenpreises 2003 des Landes Nordrhein Westfalen im Bereich Popularmusik)
Mit dem Rücken an die Mauer gelehnt saß ich im Kieselbett des Parkplatzes. Hatte ich einen Fehler gemacht? Wo steckte sie? Eben noch hier an diesem Ort und nun über alle Berge. Erschöpft und mit den Nerven am Ende breitete sich in meinem Herzen eine gewisse Traurigkeit aus.

Sie war eines von den Mädchen gewesen, erinnerte ich mich, deren Brüder sie schrecklich hässlich gefunden hatten. Auch beim Essen fassen war sie stets die letzte gewesen. Hinten anstellen war ihr nie leicht gefallen. Aber sie war eines von den Mädchen gewesen, die sich hinauswagten in den Tigerkäfig Welt und verwundet, aber niemals geschlagen wieder zurückkehrten. Und so wurde sie eines von den Mädchen, die in allem immer ein bißchen besser waren als der Rest. Ich meinte damit gar nicht nur beruflich, auch menschlich war sie ein ungeschliffener Diamant. Ein Original, nach meinem Ermessen. Eine Ausnahmeerscheinung. Die Menschwerdung einer Leidenschaft, die mit jeder Muskelfaser dabei ist, sich selbst zu überraschen. Die schönste Rose auch. Sie war eine von denen. Heute.

Früher hatte es zu Hause immer viel Ärger gegeben. Die Pubertät. Die Schauspielerei. Die Straßenmusik. Die große Klappe. Die neue Farbe ihrer kostspieligen Gitarre. Brotlose Kunst hatte es immer geheißen. Eben die üblichen Sprüche deutscher Haushalte, die es allerorten im Dutzend billiger gab. Das war jetzt vorbei. Nicht, weil der Ärger als solcher ein Ende gefunden hatte, sondern weil sie gegangen war. Sie hatte den Salzufler Salinen den Rücken gekehrt. Ihre fast weltweit agilen Mitstreiter wie ein altes Fahrrad zurückgelassen. Sie wollte den Drachen töten gehen. Und das war in diesem kleinen Rentnerinferno nicht möglich gewesen. Einem Ort, in dem sich Klavier auf Gewirr reimte. Wer wollte da schon leben.

Sie war damals achtzehn. Und sie ging dann nach Berlin der Liebe wegen. Berlin - das klang für sie wie New York, und es versprach ungezählte wilde Nächte mit Sex, Provisorien aus Rock’n Roll, Großstadtglanz und Liebe. Kurz, das klang nach allem, was sie sich immer gewünscht hatte. Wiglaf Droste sollte Recht behalten, dachte ich, als sie mir ihre Geschichte erzählte: so vergreist wie zwischen sechzehn und neunzehn würde man sein ganzes Leben lang nicht mehr sein.

Fünf Jahre später saßen wir auf der Steinmauer im Hinterhof des Amtsgerichts und spuckten blankgelutschte Ferreroküsschen-Nüsse gegen die Wand des richterlichen Gemäuers. Es war der Tag ihrer Scheidung, und Berlin hatte sie längst den Rücken gekehrt. Mit vor Tatendrang sprühenden Augen strahlte sie mich an. Endlich frei und Hamburg gab es da jetzt ja auch. Da machte jeder Musik. Da lebten alle ein provinzielles Leben, aber wild und gefährlich waren sie da. Jeder sang, ob er es konnte oder nicht auf der Platte des anderen mit. Die Frauen im Background, die Herren im Auge des Sturmes. So ging das nicht. Nicht bei einem wilden Mädchen. Sie war geschieden. Auch von der Idee, die Frau irgendeines Mannes zu sein. Geschieden von der Vorstellung Teil eines bürgerlichen Ganzen zu werden. Geschieden, von der Idee, vom Feminismus jemals wieder die Finger zu lassen. Geschieden vom Gedanken, ein liebes Mädchen zu werden. Geschieden auch davon die Bühne jemals wieder den Männern zu überlassen. Dreiundzwanzig war sie und die erste geschiedene Freundin, die ich hatte.

Später war sie eine laute Sängerin geworden. Sie hatte Platten gemacht, zehn Jahre mit ihrer Hamburger Band Die Braut haut ins Auge die Plattenregale zum Einstürzen gebracht, Produzenten verschlissen und Tourbusse gegen die Planke gerammt. Doch nichts blieb für immer, wusste sie. Sie nahm die Beine in die Hand, stellte sich nun allein auf die Bühne und schwitzte mit aller Kraft ins Publikum. Das kam an. Bei Frau und Mann. Mit Gitarre, Maschinenpark und Gesang. Eine Hedonistin reinsten Wassers war sie geworden. Ihre Augen suchten nach dem besten Augenblick, nach neuer Musik und wilden Menschen. Alkohol konnte sie dabei in rauhen Mengen konsumieren. Täglich wurden 500 Zigaretten weggesaugt. Fingernägel gekaut. Klaviertasten durchgehauen. Und Musik gehört. Liverbirds, Pandoras, Supremes, Chuck Berry, und Johnny Cash wurden abgelöst von Rio Reiser, Kevin Blechdom, Peaches, Le Tigre oder Chicks on Speed.

Sie wollte immer alles und so wurde sie nie müde aus einem Cocktail von Musik, Alkohol und Politik ihre kühnsten Erlebnisse zu stricken. Sie bekam dann diesen irren Blick und sie wurde eins mit ihrem äußeren Erscheinungsbild. Einfach so. Sie hatte dann wirklich eine Bombe in ihrem Kopf. Mit jeder Faser, jeder Ader, jedem Nerv. Mit dieser Leidenschaft die Leiden schafft.

Als wir auf der alten Mauer hinterm Haus gesessen hatten und sie unentwegt schwatzte, den Kern lutschte und spuckte, die Bierflasche ansetzte und sich aufregte, war es schon wieder fast soweit gewesen. Die Bombe tickte. Ich lauschte ihrer Geschichte und sah sie dabei an. Gut sah sie aus. Sie hatte diese Art von flachsblondem Haar. Der Scheitel saß grundweg schief und irgendwo guckten immer Strähnen hervor, wo sie es hätten nicht tun sollen. Ich mochte deshalb im Bus nie hinter ihr sitzen. Der Anblick machte mich fertig. Das war wie mit ihren Strumpfhosen, die ständig Laufmaschen hatten. Das war nicht schön, aber bezaubernd.

Ich gerate ins Schwärmen, dachte ich, anstatt mich auf die Suche nach ihr zu machen. Ich schaute mit gesenktem Blick über die Weite des Platzes.

Ich erinnerte mich, dass sie niemals einen Büstenhalter trug. Richtige Frauen trugen keine BHs. Sie bewegte sich eben gern auf unsicheren Pfaden. Ich entsann mich noch gut, als ich eines Sommers die Stadt verließ und an der ersten Raststätte hinter Hamburg ein junges Ding stehen sah. Obwohl ich noch weit entfernt war, konnte ich deutlich erkennen, daß sie unter ihrem fadenscheinigen T-Shirt keinen BH trug. „Leichtsinnig“, murmelte es sich naiv von meiner Oberlippe. Ich hätte mit diesem Ausspruch warten sollen, bis ich den Aufdruck ihres T-Shirts entziffern konnte: „Heute schon gebumst?“ las ich entgeistert und in riesigen Lettern. Sie war eben nicht nur charmant unordentlich, sondern auch sehr mutig.

Ich starrte in den einsamen Abend hinein. Die schönste Rose war weg. Hatte sich einfach auf dem Absatz umgedreht. Ich ließ meinen Blick erneut über die blanken Steine des Parkplatzes schweifen.

Im Sommer hatte sie oft so sonderbare Kleidung getragen, die bei jedem anderen Mädchen, in der richtigen Reihenfolge getragen, hätte sexy wirken können. Aber ihr war das egal. Sie zog sich so an, wie es am schnellsten ging. Sie mochte es provisorisch. Und es gab keinen schöneren Anblick für mich, als wenn sie sich morgens nach dem Saufen anzog und sich mit den Worten „Ich geh dann mal“ zu mir umdrehte. Ein Hemdkragen über dem Pullover und der andere darunter.

Vorhin. Eben. Auf der Mauer hinter dem Haus hatte ich dem Klang ihrer Stimme noch mit größter körperlicher Anspannung gelauscht. Es war anstrengend gewesen, ihren wirren Erzählungen zu folgen. Sie zitierte so verdreht aus ihrer Vergangenheit. Immer wieder setzte sie die Flasche an ihre Lippen. Eine Zigarette wurde an der anderen angezündet. Jeder Zug machte sie wirrer. Die Bombe in ihrem Kopf tickte unaufhörlich im Takt ihres Herzschlags. Sie war außer sich. Die Menschwerdung der Leidenschaft stampfte wie eine Dampfmaschine. Sie will alles, brüllte sie. Alles. Nicht nur die eine Hälfte des Himmels. Nicht nur eine Hälfte der Horde. Der Gedanke ist doch, erklärte sie mir, eine so große Öffentlichkeit wie möglich zu erreichen. Das hier, ist nur die eine Hälfte des Himmels und sie wollen mich klein machen, keifte sie über den Platz. Es war eben. Kurz vor dieser Preisverleihung. Hinten auf dem Hof zwischen den Mülltonnen, wo die Menschen lebten, die nicht mit hinein durften. Die draußen blieben. Da, wo es dunkel war. Wo der Schatten auf dem Asphalt lag und für Licht kein Raum blieb. Und erst viel zu spät dämmerte mir, worum es eigentlich ging. Sie war zusammengeschrumpft wie ein Rührei nach der Mikrowelle. Sie war klein gemacht. Sie war fast nur noch halb so groß wie vorher. Ich ließ die Bilder Revue passieren. Rasend schnell war sie nur noch halb so groß gewesen. Eine Künstlerin, die für Frauen musiziert, ist eben nur die halbe Wahrheit.

Ich sprang von der Mauer, riss sie in meine Arme und hob sie hoch. Ich wollte Hilfe holen, von irgendwoher. Ich wollte sie retten. Ich musste etwas tun und das schnell. Ich wusste, wer nur die Hälfte des Himmels haben darf, die wird kleiner als sie sein mag und muss dabei die Großen noch überragen. Die muss sich einfach trauen. Die muss lauter und stärker und wilder sein. Aggressiv und sexy. Sie schaute mich mit ihren großen, vor Wut aufgerissenen grünen Augen von unten her an. Und dann geschah, was nicht hätte geschehen dürfen. Sie drehte sich auf dem Absatz um, kehrte mir den Rücken zu und reckte die Arme in die Luft. Mit der Gitarre um den Hals verschwand sie am Horizont, um sich endlich die zweite Hälfte des Himmels zu holen.

Vielen Dank, Bernadette La Hengst. (Erstellt am 08.10.03)