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  Mein Name ist Mensch
Rio Reiser Open Air 2004
Rio Reiser

Seine Songs sind noch heute überall zu hören: Sei es beim Kölner oder Düsseldorfer Karneval, bei Demonstrationen mit Bambule oder Autonomen oder bei den Begegnungen sich entflammender Herzen, auf dem Sofa oder im Auto. Alles Lüge, König von Deutschland, Macht kaputt was euch kaputt macht, Keine Macht für Niemand, Schritt für Schritt ins Paradies, Für immer und dich, Laß uns ein Wunder sein: All das stammt von Rio Reiser, dem einstigen Frontmann der Ton Steine Scherben. Vor acht Jahren, am 20. August 1996 ist Rio Reiser im nordfriesischen Fresenhagen gestorben. Im Gedenken an einen der wohl wichtigsten Musiker in diesem Land gibt es am kommenden Wochenende an der alten Wirkungsstätte und an dem Ort, wo Rio Reiser heute begraben liegt, ein großes Open-Air. Mit dabei u.a. Stoppok, Fehlfarben, Marianne Rosenberg und die Söhne Mannheims samt Xavier Naidoo.
Im vergangenen Herbst hatten sich diese und andere KünstlerInnen zu einem Hommage-Album für Rio Reiser unter dem Titel Familienalbum zusammengefunden. Ein Album, an dem es viel Kritik gab. Vor allem der erste Drummer der Scherben, Wolfgang Seidel, hatte sich – quasi authentisch - zu Wort gemeldet und angezweifelt, ob denn diese KünstlerInnen tatsächlich zur Scherben-Familie gezählt werden dürften. Irgendwo zwischen Deutschtümelei und Entpolitisierung ordnete er dieses Werk ein, denn als einzige Klammer der auf dem Album vertretenen KünstlerInnen gebe es nur die deutsche Sprache. Weder im Booklett noch im Pressetext werde schließlich an irgendeiner Stelle über die politischen Inhalte von Rio Reiser oder den Scherben gesprochen.
Diese Kritik richtet sich auch gegen die beiden Vereine, die das Erbe von Rio Reiser und den Scherben verwalten. Einerseits das Rio Reiser Archiv, das die umfangreichen Tonbänder, Bildmaterialien und andere Dinge sichtet, konserviert und aufbereitet und daraus in den letzten Jahren u.a. CDs mit Songs von Rio Reiser veröffentlicht hat (z.B. Am Piano 1 und 2). Andererseits der Verein Rio Reiser Haus, der sich vor allem darum kümmert, das ehemalige Scherben-Haus in Fresenhagen zu erhalten. Personell stehen dabei vor allem die beiden Brüder von Rio Reiser, Peter und Gert Möbius im Zentrum.
Heftige Kritik fanden z.B. die Rio-Reiser-Songwettbewerbe 2001 und 2003. Der erste Wettbewerb lief unter dem Motto „Heimat“. Ein Motto, dass man getrost als unglücklich bezeichnen kann. Schärfer fiel die Kritik im letzten Jahr aus, als der Wettbewerb unter dem Motto „Ich will ich sein“ gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Verein Deutsche Sprache (VDS) durchgeführt wurde. Die Beteiligung des VDS, der angesichts der Übernahme fremdsprachiger Ausdrücke ins Deutsche z.B. von „kultureller Selbstaufgabe“ spricht, passt so gar nicht ins Bild. Kein Wunder also, wenn die beiden Vereine unter Verdacht kommen, nicht nur an der Entpolitisierung von Rio Reiser und den Scherben mitzuwirken, sondern auch von „Deutschtümelei“ oder gar „Nationalisierung“ die Rede ist. Vorwürfe, zu denen es bislang keine öffentlichen Stellungnahmen des Vereins oder der Möbius-Brüder gibt.
So richtig diese Kritiken im Ansatz auch sind. Diejenigen, die sie vortragen, sind derzeit dabei einen anderen Mythos von Rio Reiser und den Scherben aufzubauen, der geradezu an Geschichtsklitterung grenzt. Allen, die es Wissen wollen, erklärt Wolfgang Seidel die Philosophie der Scherben mit einem Reiser-Statement von 1971: »Musik kann zur gemeinsamen Waffe werden, wenn du auf der Seite der Leute stehst, für die du Musik machst. (...)“. Ob Rio und die Scherben das auch nach ihrer Flucht vor dem Berliner Politik-Aktivismus nach Fresenhagen so gesehen haben, ist mehr als zweifelhaft. Und wie häufig waren die Scherben seinerzeit schon Verratsvorwürfen ausgesetzt. Z.B. als das Album „Wenn die Nacht am tiefsten“ im Herbst 1975 erschien oder das „Schwarze Album“ 1981 oder als Rio Reiser 1986 den Vertrag bei Sony unterschrieb und den alten Scherben-Song „König von Deutschland“in die deutschen (!) Charts brachte.“
Wenn die Söhne Mannheims samt Xavier Naidoo und deren Neufassung von „Mein Name ist Mensch“ z.B. von Seidel damit kritisiert werden, dass sie den Song mit ihrer Religiosität vereinnahmen, dann vergisst er schlicht, dass Rio selbst seit seinem 12. Lebensjahr nach eigenem Bekunden täglich in der Bibel las und sich in den Songs der Scherben erstaunlich viele biblische Bilder und Anspielungen finden lassen. Dass heute die Söhne Mannheims diesen Faden aufnehmen mag man ja doof finden, ist geradezu folgerichtig und eher ein Hinweis, dass die Linke sich mal um diesen Aspekt bei Rio und den Scherben (und sich selbst) intensiver kümmern sollte – statt ihn gekonnt zu übersehen.
Die Geschichte von Rio Reiser und den Scherben ist doch irgendwie recht viel komplexer. Vielleicht hört man Rio auch deshalb sowohl beim Karneval als auch bei Bambule.
Was das kommende Wochenende in Fresenhagen angeht, sei noch auf einen Leckerbissen verwiesen: Da bei den Waldbränden in Portugal auch das Haus vom nach Rio Reiser wichtigsten Kopf der Band und Gitarristen R.P.S. Lanrue zerstört wurde, haben sich einige alte Scherben für einen Benefizauftritt zusammengetan. Unter dem Namen Ton Steine Scherben Family spielen am Samstag Funky K.Götzner (Schlagzeug), Kai Kivondo (ex Sichtermann, Bass), Marius del Mestre (Gitarre, Gesang), Dirk Schlömer Gitarre). Das wird was.

Dirk Seifert

Mein Name ist Mensch, Rio Reiser Open Air in Fresenhagen (Nordfriesland zwischen Niebüll und Flensburg) Freitag, 20. August ab 19:00 Uhr: Bremer Shakespeare Company, die Kap`n Kaos Band, Stoppok, die Söhne Mannheims und Marianne Rosenberg. Samstag, 21. August ab 16:00 Uhr: Junges Theater Göttingen, Sven Panne, Keimzeit, Fehlfarben , Ton Steine Scherben Family (mit Funky K.Götzner, Kai Kivondo, Marius del Mestre, Dirk Schlömer)